Wollen wir denn “Kommunismus”? (12)
Einen Aspekt habe ich dabei zurückgestellt: Der Charakter des Arbeitsprozesses, also WIE die Arbeit gestaltet wird, wie sie abläuft, hat sich wesentlich gewandelt. Ich meine hier das, was man mit dem Wort „Arbeitsintensität“ bezeichnet. Dieser Wandlungsprozess war bereits in seiner kontraproduktiven Seite zu DDR-Zeiten erkennbar. Stichwort „Privat geht vor Katastrophe“.
Im Kampf um Profite (bzw. einem internationalen Klassenkampf) zählt genau genommen nur die am Schluss aus der Wirtschaftseinheit heraus realisierte Menge Waren. Auch ein sich sozialistisch dünkender Staat, der neben kapitalistischen überleben will, muss sich da anpassen.
Der „Kommunismus“ kennt aber keine „Waren“, genauer: er kennt nicht die „Wertform“ der Gebrauchswerte verkörpernden Güter. Worum geht es aber bei JEDEM Gebrauchswert (im Gegensatz zum Tauschwert, wo dies nur Mittel zum Zweck ist)? Um die Verbesserung der Lebensumstände von Menschen. Und verbessert es nicht AUCH die eigenen Lebensumstände, wenn man sich mit einem „Kollegen“ über Erziehungsprobleme unterhalten kann, die die eigenen Kinder gerade verursachen (und umgekehrt den Anderen Ratschläge zu geben)? Ginge nicht eine Krankenschwester wesentlich lieber arbeiten, wenn sie ein paar Minuten mehr hätte, um mit Patienten und Kollegen zu reden? Das hebt natürlich den gesellschaftlichen Rang von Menschen, die ich hier als „Kommunikatoren“ bezeichnen möchte, also Menschen, die als Haupt“arbeits“ergebnis bei ihren Mitmenschen gute Laune verbreiten. Ich möchte nicht den „Arbeitsprozess“ zur „Dauerparty“ hochstilisieren, aber auf jeden Fall haben ein paar Jahrtausende Klassengesellschaft das Meiste vom ursprünglichen gemeinsamen „Singen“ bei der Vor- und Nachbereitung eine Jagd aus dem Denken der Menschen vergrault. Selbst Marx stellte sich scheinbar die kommunistische Arbeitswelt als kreative Entäußerung eine Menschheit aus lauter Workoholics vor.
Ich will nicht behaupten, dass es diesen Trend nicht geben wird, dass in einer kommunistischen Zukunftswelt also nicht eine wesentliche Zahl von Menschen wirklich ihren Lebensinhalt darin sehen wird, „der Gemeinschaft“ die meisten und besten Produkte im weitesten Sinne zu erschaffen. Aber die werden nur eine Gruppe von vielen sein. Es wäre sogar schlimm, wenn das anders wäre: Zu den technischen Merkmalen dieser Zukunftsgesellschaft gehört ja der absolut freie Datenfluss. Wenn also irgendwo auf der Welt eine Erfindung gemacht wird, so steht diese sofort allen Anderen zur Verfügung – notfalls, um sie noch zu verbessern oder speziellen Bedingungen anzupassen. Wohin sollte es da führen, wenn 80 Prozent der Menschheit dann große Erfindungen machen wollten?! Sie können es nur als „Hobbytüftler“ – so etwas, was wir heute bei den Computerfreaks finden. Nur so als Beispiel. Wirtschaftliches Wachstum stößt ja auch heute schon an natürliche Grenzen (nicht nur an die der Verwertungslogik).
22. November 2010 um 11:30
aus welchem Grund werden “Hobby-Tüftler” mit Computerfreaks verglichen? Gibt es da nicht eine schon gesellschaftlich da gewesene Form der Verantwortung des Einzelnen, für die Verbesserung der Produktion, bzw. der Produktionsbedingungen – die Art und Weise der Verbesserungsvorschläge, wie sie in der DDR gehandhabt wurde.
Ich möchte nicht sagen, dass dort alles immer gut und richtig gelaufen ist – aber ich kann von meinem Kollektiv ausgehen. Wir waren etwa 10 Leute ( ing-technisches Personal) die im Bereich der Instandhaltung von Pumpen im Kombinat Agrochemie tätig waren. Wir trafen uns täglich zum Frühstück, und auch noch mal gegen 15:00 Uhr um einen Kaffee zu trinken. Seitens des vor allem stellvertretenen Abteilungsleiters wurde das oft kritisiert. Ihm habe ich immer entgegen gehalten, dass dies unsere kreative Stunde sei, dass in der Zeit die Ideen und Vorschläge für das Neuerer-Wesen entstehen.
Und in der Tat war es so, dass jeder dort seine Gedanken auf den Tisch legte, ohne befürchten zu müssen, dass einer der Anwesenden ihm den Vorschlag klauen würde. Dass dort über Wert eines jeden Vorschlages klar gestritten wurde, teils nachgebessert und somit innerhalb des Gesamtkollektives gute Ergebnisse erzielt werden konnten. Dabei ist nicht nur die Kennziffer Neuerer-Wesen zu sehen – in der Zeit zwischen 1980 und 1989 wurde die Anzahl der Schlosser im Bereich von fast 30 auf etwa 25 gesenkt, und obwohl in dieser Zeit noch andere Betriebsteile hinzu gekommen sind, deren Aggregate ebenso durch uns betreut werden mußten, haben wir 1989 Arebeit gesucht und uns trotzdem nicht tot gemacht. Hauptpunkt diese Erfolges war die Verlängerung der Laufzeiten der Maschinen, die in vielen Fällen durch Neuerer-Vorschläge erzielt werden konnten.
22. November 2010 um 12:32
Lieber Günther,
für deine Frage mit Hobby-Tüftlern oder Computerfreaks gibt es einen so einfachen wie traurigen Grund: Der gedankliche Ansatz der Neuererbewegung zu DDR-Zeiten ist schlicht zu unbekannt. Das individuelle Interesse an einer Sache aber ist glücklicherweise nicht ganz abzutöten. Also ein Interesse, das nicht auf die abstrakte Geldform abstellt. Wir wissen beide, dass wenn man auf den Boden der DDR taucht (wogegen die “Stasi”-Brüller sich so vehement wehren) dort Keime für eine zukunftsfähige Gesellschaft sprossen. Aber erkläre dies einem heute 30jährigen….