Wollen wir denn “Kommunismus”? (6)
Und dann … Es war Tschernobyl und nicht Harrisburg, was zum Symbol der Umweltbedrohung durch unbeherrschte Atomkraft wurde. Und Bitterfeld und nicht das Ruhrgebiet wurde zum Sinnbild einer die Bewohner der Umgegend quälenden Landschaft. Für beschränkte Zeiträume erhielten Sowjetpanzer das bröckelige System in Budapest, Prag und Kabul aufrecht. Fortschritt auf Raketenpump.
Aus der Aufbruchzeit der Arbeiter- und Bauernfakultäten war die simulierte „Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik“ geworden. Und die Erfahrungen mit der unsanften Umgestaltung der Landwirtschaft – dass nämlich die gelichteten Reihen der verbliebenen nun in LPGen zusammengefassten Bauern ganz praktisch die Vorzüge des Fortschritts erfasst hatten, den man ihnen aufgenötigt hatte – hoffte man auf Anderes zu übertragen, also alles aufzunötigen, was immer einfacher ist als überzeugen.
Ein wenig chinesische Langfristigkeit und kubanischer Revolutionsenthusiasmus hätte uns sicher gut getan. Aber die falschen Methoden hatten sich verselbständigt. Es war so viel von OBEN gekommen, dass nun auch auf OBEN gewartet wurde. Und ein Ordnungskombinat Robotron für moderne Daten- und Kommunikationstechnik stellte Teilpotentiale dafür ab, irgendwelchen Flaschenöffner-Schnickschnack herzustellen, weil ein Politbüro fand, es fehlten Konsumgüter und diese Lücke könnten doch alle irgendwie füllen.
Der entscheidende Fortschritt der neuen Gesellschaft, nämlich, dass sie den Einsatz ihrer verfügbaren Produktivkräfte tatsächlich vernünftig geplant hätte, ist in dem, was heute gehässig „Realsozialismus“ genannt wird, nie zum Tragen gekommen. Im Gegenteil: Die reale Ballung politischer Macht über die Wirtschaft bewirkte eine Kommandoordnung auf Basis des Willens Weniger.
Wie gesagt: Zu einem nicht unwesentlichen Teil wurde dies vom Ansatz her durch die unterschiedlichen Formen der Entwicklungssabotage des ökonomisch noch überlegenen internationalen Kapitals bewirkt und erhalten.
Zum zweiten reproduzierte dieses auch indirekt wirkende Kapital unsolidarische Elemente in den internationalen Wirtschaftsbeziehungen der auf Sozialismus orientierenden Staaten – beginnend mit dem RGW. Das gegenseitige Vertrauen reichte nicht aus, um ein Entscheidungsmechanismus zu installieren, der für das Gesamtsystem ideale Lösungen begründen und durchsetzen hätte können.
17. November 2010 um 09:43
Auf all die Vorwürfe, die hier in den Zeilen gegen den realexistierenden Sozialismus gemacht werden, möchte ich mit einer konkreten Situation, mich selbst betreffend antworten.
Etwa 1985 – 88 traten die Genossen der Abteilungsparteileitung Technik des Stickstoffwerkes, an mich heran und stellten die Frage, ob ich bereit wäre, in der nächsten APO-Leitung mitzuarbeiten. Kurze Zeit vorher hatte ich noch eine Parteistrafe bekommen, weil man eine (allerdings dumme) Protestaktion von mir, wenige Tage nach der Ausrufung des Ausnahmezustandes in der Volksrepublik Polen, polnisch verstanden hatte. Darauf angesprochen bekam ich zur Antwort, … das ist uns bekannt, und spielt keine Rolle. Ich sagte meine Genossen, dass ich noch ein weiteres Problem habe: “Ich bin mit der gegenwärtigen Politik unseres Staatsrates und des ZK nicht zufrieden, allerdings sei die Friedenspolitik, die seitens der DDR geleistet wird, für mich so wertvoll, dass ich allein wegen dieser wichtigen Position andere Fehler tolerieren werde und bereit sei unter dieser Prämisse mitzuarbeiten” Meine Genossen waren sehr verblüfft, ich glaube so deutlich haben nur wenige Kritik geübt – konstruktive Kritik – aber bei der nächsten Wahl wurde ich mit aufgestellt und habe meine Arbeit, auch in der APO-Leitung, gemacht.
Was will ich damit sagen. Natürlich waren viele Ding weit von dem entfernt, was das Ziel eine sozialistischen, erst recht einer kommunistischen Gesellschaft entsprach. Immerhin wird jede Politik immer von Menschen gemacht und die arbeiten sehr unterschiedlich. Die Grundlagen, die Gesetze der DDR, ihre generelle Politik waren demgegenüber absolut positiv und menschlich. Zum anderen wird heute immer Kritik geübt, auch von solchen Leuten, die eventuell selbst politische Verantwortung getragen haben zu der Zeit. Wenn sie, jeder sich in den politischen Prozess eingemischt, wenn jeder politische Verantwortung übernommen hätte, hätte die DDR nie so verkommen können. Wir haben es so zugelassen – und wenn ich von wir rede, so meine ich auf jeden Fall alle Genossen der SED, die zugelassen haben, dass immer mehr Karrieristen in diese aufgenommen wurden und letztlich die Regie übernommen haben. Wie konnten ansonsten solche Subjekte wie ein Schabowski bis ins ZK kommen?
Auch in jedem neuen Anlauf, den Kapitalismus zu überwinden – und diese Überwindung ist lange überfällig, weil ansonsten die Menschheit keine Zukunft mehr hat – werden Fehler begangen, wird es Rückschläge geben und auch Ungerechtigkeiten. Trotzdem wird es keinen anderen Ausweg geben, als das gegenwärtige kapitalistische System mit Stumpf und Stiel auszurotten, als den Großkonzernen, der Finanzwirtschaft und den Grunstücksspekulanten das Handwerk zu legen. Nur so kann die gegenwärtige massive, die Menschheit bedrohende Kriegsgefahr, für die Welt gebannt werden und die gegenwärtig schon überfallenen und geknechteten Menschen vom Krieg entlastet werden. Kapitalismus bedeutet Krieg und Krieg ist nicht nur ein Menschenkiller – er ist auch ein Klimakiller, er ist auch ein Killer der Umwelt allgemein, ein Ressourcenvernichter, ein menschliche Arbeit verschlingender und somit den Fortschritt hemmender Faktor – der nur einen einzigen Zweck erfüllt – die Rüstungskonzerne, deren Aktionäre, die fast immer auch mit der Finanzwirtschaft liiert sind Super-Reich zu machen. Dafür werden Menschen getötet und andere geopfert. An dem Geld klebt Blut und das hat an den sozialistischen Armeen nicht geklebt, auch wenn man das im Rahmen des Afghanistankrieges der Roten Armee seitens der Gegner anlastet, damit sie ihren eigenen Krieg legalisieren und gegenüber ihrer Bevölkerung begründen können.
Günther Wassenaar
wassenaar@web.de
17. November 2010 um 10:41
[...] denn Kommunismus?“ wurde zwar schon häufig angeklickt, aber jetzt hat endlich jemand einen Kommentar zu einem der Artikel geschrieben. Ein „alter Genosse“, der sich – so wie ich – entschieden gegen [...]